Corona-Krise vs. Nahostkonflikt: PP-Markt | SANDAU Group
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Marktanalyse & Rohstoffe

Corona-Krise vs. Nahostkonflikt:
Was bedeuten globale Schocks für den PP-Markt?

Zwei Krisen, zwei Dynamiken – und was Einkäufer daraus lernen können.

Mai 2026 Lesezeit ca. 5 Min. B2B Einkauf & Beschaffung
+60% Naphtha-Preisanstieg (Nahostkonflikt)
±15 USD Tägliche Ölpreisvolatilität möglich
75 Mio. t Globaler PP-Markt (2024)

Globale Krisen hinterlassen im Kunststoffmarkt immer Spuren. Doch nicht jede Krise wirkt auf dieselbe Weise. Ein Vergleich zwischen den Auswirkungen der Corona-Pandemie und dem eskalierenden Nahostkonflikt zeigt: Die Schocks sind real – aber ihre Ursachen, Verläufe und Konsequenzen für den Polypropylen-Markt unterscheiden sich grundlegend.

1 Die Corona-Krise: Nachfragesturz, dann Preisexplosion

Die Pandemie traf den PP-Markt in zwei Wellen. Zunächst brach die industrielle Nachfrage ein – Automobil, Textil, Konsumgüter standen still. Die Rohstoffpreise, darunter Öl und Naphtha, fielen 2020 auf Mehrjahrestiefs. PP war günstig verfügbar, die Lager füllten sich.

Doch die Erholung kam schneller als erwartet. Mit dem globalen Restart stieg die Nachfrage stärker an als die Produktionskapazitäten reagieren konnten. Gleichzeitig kollabierte die Logistik: Containermangel, Hafenstaus und geschlossene Grenzen legten internationale Lieferketten lahm. Das Ergebnis war ein massiver Preisanstieg für PP – nicht weil der Rohstoff fehlte, sondern weil er nicht mehr dorthin transportiert werden konnte, wo er gebraucht wurde.

Zentrale Erkenntnis

Die Preiskorrelation zwischen Rohöl und PP wurde zeitweise entkoppelt. Nicht der Energiemarkt, sondern Logistik und lokale Nachfrage bestimmten den Preis. Wer auf Spotmarkt-Einkäufe setzte, zahlte erhebliche Aufschläge.

2 Der Nahostkonflikt: Rohstoffschock an der Quelle

Die aktuelle Lage im Nahen Osten wirkt anders – und tiefer. Die Eskalation des Konflikts, insbesondere die Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus, trifft die Petrochemie direkt an ihrem Ursprung.

Die Golfstaaten zählen zu den wichtigsten Lieferanten petrochemischer Grundstoffe für Asien und Europa. Naphtha, der entscheidende Ausgangsstoff für die Polypropylenproduktion, geriet erheblich unter Druck: Der Preis für eine Tonne stieg um mehr als 60 Prozent seit Beginn des Konflikts. Asiatische Steamcracker, die zu über 60 Prozent von Rohöl aus der Golfregion abhängen, haben bereits begonnen, Force-Majeure-Klauseln für Lieferungen geltend zu machen.

Die Folgen sind entlang der gesamten Lieferkette spürbar: Polymere wie Polypropylen, Polyethylen und PVC verteuerten sich deutlich. Der Ölpreis (Brent) sprang nach der militärischen Eskalation Anfang 2026 kurzfristig auf über 80 USD je Barrel – mit Volatilitätsspitzen, die tägliche Schwankungen von bis zu 15 USD ermöglichten.

Zentrale Erkenntnis

Hier handelt es sich um einen Angebotsschock auf Rohstoffebene. Die Preissteigerungen beginnen bei Öl und Naphtha und pflanzen sich direkt in die Polymerpreise fort – anders als bei Corona, wo die Logistik das eigentliche Nadelöhr war.

3 Drei Dimensionen im direkten Vergleich

Corona 2020–2022

Logistik als Nadelöhr

Ölkorrelation zu PP temporär entkoppelt. Lokale Nachfrage und Lieferkettenchaos dominierten den Preis. Spotmarkt-Einkäufer zahlten hohe Aufschläge.

Nahostkonflikt 2025–2026

Rohstoffschock an der Quelle

Klassische Ölkopplung vollständig aktiv. Naphtha-Preisanstieg direkt in PP-Preisen spürbar. Tägliche Volatilität von bis zu 15 USD/Barrel möglich.

Rohstoffpreise & Ölkopplung

Heute gilt die klassische Kopplung Öl → Naphtha → PP wieder vollständig. Wer die Naphtha- und Ölpreisentwicklung nicht aktiv verfolgt, reagiert im Markt zu spät. Energiemarktentwicklungen sind wieder ein zuverlässiger Frühindikator für Beschaffungspreise.

Lieferketten & Verfügbarkeit

Rund 44 Prozent der globalen Naphtha-Nachfrage entfallen auf den asiatisch-pazifischen Raum – ein erheblicher Teil davon auf Rohstoffe aus dem Nahen Osten. Engpässe in der Straße von Hormus wirken deshalb global, nicht nur regional. Für europäische PP-Abnehmer entstehen dadurch indirekte Verfügbarkeitsrisiken.

Preisvolatilität & Planbarkeit

Beide Krisen machen kurzfristige Preisprognosen nahezu unmöglich. Der aktuelle Markt reagiert deutlich schneller und nervöser auf Meldungen aus der Region. Langfristige Lieferverträge mit Preisgleitklauseln gewinnen deshalb erheblich an Bedeutung gegenüber reiner Spotmarktbeschaffung.

4 Was bedeutet das für die Praxis?

Der Vergleich beider Krisen liefert keine einfachen Antworten – aber klare Orientierungspunkte für Einkauf und Beschaffung:

Rohstoffmonitoring ist kein Nice-to-have mehr. Naphtha- und Ölpreise aktiv und regelmäßig verfolgen.

Lieferantendiversifikation zahlt sich aus – regionale Abhängigkeiten gezielt reduzieren.

Langfristige Verträge mit Preisgleitklauseln schützen vor extremen Ausschlägen in beide Richtungen.

Eigene Pufferkapazitäten aufbauen – niedrige Lagerbestände verstärken Preisschocks erheblich.

Die aktuelle Situation im Nahen Osten ist kein direktes Abbild der Corona-Krise – sie ist ein anderer Krisentyp mit anderen Mechanismen, aber mit ähnlich spürbaren Auswirkungen auf den PP-Markt. Wer beide Dynamiken versteht, trifft fundiertere Beschaffungsentscheidungen und stellt sein Unternehmen resilienter auf.

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